Tinnitus

einige persönliche Gedanken nach mehr als 20 Jahren

Seit mehr als zwanzig Jahren begleitet mich, Gustav Glück, Tinnitus.

Wie viele andere Betroffene habe ich einiges ausprobiert: medizinische Untersuchungen, Cortisonbehandlung, Entspannungsübungen, Veränderungen der Ernährung, Veränderungen der Lebensweise, psychotherapeutische Zugänge und unterschiedliche Formen der Selbsthilfe.

Manches hat geholfen. Manches nicht.

Eine Beobachtung hat mich über die Jahre besonders beschäftigt:
Der Tinnitus wird oft dann lauter, wenn sich meine Aufmerksamkeit verengt. Wenn sich das Leben um Kontrolle, Anspannung, Sorgen oder den Versuch dreht, das Geräusch endlich loszuwerden.

Umgekehrt gibt es Momente, in denen der Tinnitus überraschend in den Hintergrund tritt.

Nicht nur bei Entspannung.

Sondern beim Staunen.

Bei Neugier.

Bei echter Überraschung.

Bei Begegnungen.

Bei moderner und zeitgenössischer Kunst.

Bei Erfahrungen, die größer sind als die Beschäftigung mit dem eigenen Symptom.

Das bedeutet nicht, dass Tinnitus „psychisch“ ist oder man ihn einfach wegdenken kann.

Aber es wirft eine interessante Frage auf:
Welche Rolle spielen Anspannung, Verlust von Kontrolle, Trauma oder Dauerstress bei meinem Umgang mit dem Tinnitus?

Diese Frage beschäftigt mich als Betroffener und als Psychotherapeut gleichermaßen.

In meiner Arbeit interessiert mich weniger die Suche nach dem einen Wundermittel. Mehr die Frage, wie man trotz, oder besser, mit Tinnitus wieder mehr Lebendigkeit, Freiheit und Handlungsspielraum gewinnen kann.

Vielleicht geht es nicht immer darum, den Tinnitus zum Verschwinden zu bringen.

Vielleicht geht es manchmal darum, dem Leben wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken als dem Geräusch.

Manchmal braucht man kein neues Verfahren. Manchmal braucht man etwas, das die Aufmerksamkeit wieder auf das Leben richtet.